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  Blick zurück im Stolz?

01.05.05 - Eigentlich wollte ich dieser Sendung ausweichen. "Deutschland - ein bisschen Stolz muss sein!" Und es wäre mir fast gelungen, wenn sie gestern auf dem Sender 3sat ("anders fern sehen") nicht wiederholt worden wäre. Es ging auch diesmal wieder um Menschen und ihre alltäglichen Macken. Wobei gestern jedoch - wie von uns angekündigt - noch ein neuer hinzu kam. Ein Kolumnist. Der Kolumnist Henryk M. Broder.

Sein Lieblingssatz heisst: "Bingo!"  

Doch Kolumnisten sind auch Menschen. Oder auch nur Menschen. Oder auch noch Menschen! Und sein pünktliches Erscheinen unter Menschen hatte einen Grund: Vor drei Wochen nannte der Kolumnist auf Spiegel-online die Moderatorin einen "Profi" oder halt eine "Profiteuse", worauf diese ihn umgehend in ihre Sendung "Menschen bei Maischberger" einlud. Man nennt das echte Dankbarkeit. Wir haben diese Einladung schon damals präzis voraussagen können, weil der Mensch, selbst wenn er in Rätseln spricht, immer genau meint, was er sagt. Als der Kolumnist "Profi" schrieb, hat er an Profit gedacht. Nun profitierte er von seiner Behauptung.  

Menschen sind berechenbar. Sie sind es, weil sie vermuten, dass ihre Menschlichkeit zusammen mit der Berechenbarkeit steigt. Dies hat allerdings den unangenehmen Nebeneffekt, dass sich das Unterbewusstsein im menschlichen Bewusstsein rapide auszuweiten beginnt, sodass von den Betroffenen keine neuen Einfälle mehr zu erwarten sind. Sie wiederholen sich jetzt ständig. Sie bauen eine Mauer aus Gedanken gegen das Nichtwissen, das sie bedrängt und schleudern sie jedem entgegen, der ihrer Mauer zu nahe kommt. Dies wiederholt sich ständig. Es steht in einem engen Zusammenhang mit dem persönlichen Stolz. Und solche Wiederholungen lassen sich sogar sehr leicht belegen.

Alle Jahre wieder fragen Deutsche Medien: "Ob Deutsche stolz sein dürfen?" An Antworten hapert es dann. Fragt man zurück: "Worin sich dieser Stolz begründen soll?" kommt es schnell zu einem Kladderadatsch. Worauf möchte man stolz sein? Auf die spärlichen Einfälle oder auf die ständige Wiederholung dieser Frage: Dürfen wir stolz sein? 

Solche Fragen beruhen wohl auf einem Mechanismus, der sich verselbständigt hat. Seit 6o Jahren wird nach Daten, Fakten und Namen gesucht. Das ist echte Fleissarbeit und kann Auseinandersetzung und Entlarven zum Teil des eigenen Selbstbewusstseins machen. Lange Zeit ging alles glatt. Doch als man dann einen Grossteil aufgearbeitet hatte, kam mit dem Fall der Mauer plötzlich die gleiche Aufgabenstellung noch einmal hinzu. Deutschland erhielt Deutschland zurück. Weil die Mauer fiel und mit ihr die alten Gedanken. Und mit der ständigen Wiederholung der gleichen Namen und Fragen repetierte sich selbstverständlich nun auch der Sinn. Er blieb nicht der gleiche, sondern wurde aufgetürmt - oft bis zur Sinnlosigkeit.

   Fragen ist ja gut. Fragen werfen auch Profit ab. Aber muss denn in jeder Ecke nach einer Antwort gesucht werden? Wenn man 60 Jahre lang mit Aufklärung, Entlarven und Enttarnen befasst ist, ist das eine Auseinandersetzung ohne die es keine andere Selbsterfahrung mehr gibt. Und von diesem Muster wird nun das Selbstbewusstsein schlechthin geprägt. "Bingo!" rufen einige, wenn wieder etwas entlarvt oder enttarnt worden ist. Es änderte sich nichts. Nur abstrakte Zahlen, nackte Namen und stoische Fragen erhalten dadurch Gewicht - Übergewicht.

Ein weiteres Beispiel dieser stolzen leibgewordenen menschlichen Repetition gab der geladene Spiegel-Kolumnist selber ab, der die Wahrnehmung seiner Person - wie er gesteht - einer Schulfreundschaft mit dem Chefredaktor seines Blattes verdankt. Er, Herr Broder, wiederholt sich nur deshalb ständig, weil er permanent über das Essen nachdenkt. Er redet und schreibt sich beileibe und beliebig durch das Unbewusste, in dem er sein Bewusstsein mit einer möglichst berechenbaren Buchstabenreihe umzingelt, die dann langsam zur Decke schwebt, sodass er dazu noch Witterung aufnehmen kann. So ein Gedanken-Paar kreist über einem wie der Geruch in einer Dönerbude oder der Dunst über den Pommes im Fett. Man nennt dies: Geistigen Geruchskontakt.  

 Mit Buletten, Döner, Fritten oder Pralinen beginnen seine Kolumnen. Damit täuscht er sich und dem Leser von Anfang an eine urbane Bescheidenheit vor, die alles Übrige aufwerten soll. Und das tut sie selbstverständlich automatisch. Nach einem ordinären Döner oder einer zierlichen Praline liest sich selbst der krampfartigste Erguss noch wie eine hochgeistige Anstrengung. Als ich ihn unter Menschen bei Maischberger sah, ahnte ich sofort, dass nun wieder Buletten, Pralinen und Döner an der Reihe waren! Sie kamen auch prompt zur Sprache. Auf das eigene Nichtwissen kann man sich also verlassen, man könnte damit gegen jedes durchtrainierte Bewusstsein eine Wette abschliessen. 

Den Deutschen Stolz brachte der Kolumnist auf eine Reihe mit Knoblauchbroten und Buletten! "Ja, es gab eine Zeit, da hätten die Deutschen noch Knoblauchbrote und Buletten gegessen", meinte er. Das war eine nackte Aussage zum Stolz und zum deutschen Wir-Gefühl, der nichts anderes mehr folgte. Wie Einfach doch plötzlich alles ist, wenn man eingeladen wird! Kürzlich enttarnte er noch Hans Olaf Henkel als unklaren Ressentimentträger, einen Schnulzensänger als Antisemiten, und jetzt war der Knoblauch dran. Als nationaler Stolz, der nach Knoblauch riecht! Der wie eine Bulette schmeckt? (Da ich noch immer nicht genau weiss, was "Buletten" sind, muss ich raten). Vielleicht handelt es sich dabei um eine Art Deutsches Nationalgericht, das als Ritual genossen Zutrauen und Vertrauen, wirtschaftliche Erfolge und ein überwältigendes Wir-Gefühl schafft, wenn man sie gemeinsam isst. Ich weiss es nicht. 

Ich weiss nur, dass es Namen von Lebensmitteln sind. Man muss sie aussprechen und repetieren so oft man sie essen möchte, so oft der Magen danach verlangt. In der Schweiz haben wir die "Röschti", ein Kartoffelgericht. Und der so genannte "Röschtigraben" ist es, der den französischen vom deutschsprachigen Teil der Schweiz trennt. Stolz sind wir darauf nicht. Besonders traurig oder deprimiert ist aber deswegen auch keiner. Man nimmt es hin wie das Wetter, das man miteinander teilt.  

Die Frage, ob ich stolz darauf sei, ein Schweizer zu sein, ist mir bisher auch noch nie gestellt worden. Umgekehrt habe ich keine anderen damit belästigt. Wenn es hier nach einer Herkunft geht, fragt man allenfalls nach dem Namen. Namen verraten manchmal den Ursprung, etwa die nationale Herkunft, manche sind auch geeignet, etwas dahinter zu verbergen. 

"Wie kommt es," fragte mich unlängst ein Bekannter, "dass in dem Film «Das Boot ist voll», der hier gleich nebenan in Siblingen gedreht wurde, also in dem Dorf, wo du aufgewachsen bist, dein Familienname auftaucht? Der Name 'Flückiger' war ja damals im ganzen Kanton eine Rarität, denn ihr kommt ja ursprünglich von Bern. Und du hast die Kindheit in Siblingen verbracht, wo ihr damals gewohnt habt. Niemand sonst hat aber in diesem kleinen Dorf zu jener Zeit so geheissen." Da ich nicht wusste, worauf er hinaus wollte, fragte ich ihn nach dem Inhalt des Films, den ich bisher nicht kannte. Er erklärte mir, dass der Film unter anderem zeige, wie eine Familie Flückiger während dem Krieg Flüchtlinge versteckt habe. Ich winkte ab. Das ist ein Zufall, sagte ich. Vielleicht weil wir selber die Fremden waren, wir kamen ja immerhin von Bern, das war damals eine ziemliche Distanz. Siblingen blieb Andorra für mich. Es war also ein Zufall - oder wenn man an Zufälle nicht glaubt - eine Selbstverständlichkeit. Und wahrscheinlich eine Verwechslung von Namen?

Namen sind ja dazu da, dass der Mensch sie trägt. Und nicht umgekehrt. Die Namen tragen uns nicht. Sie öffnen uns auch keine verschlossenen Türen, sondern man wird von ihnen allenfalls noch durch die offenen getrieben. So kann man in Namen entweder das "Zufällige" entdecken oder, falls man an Zufälle nicht mehr glaubt, die neue Ebene dahinter jetzt als Selbstverständlichkeit betrachten. Da kann man dann nicht mehr stolz sein darauf, das man Schweizer oder Deutscher ist und irgendwo seine Kindheit verbracht hat. Es ist kein Verdienst. Von der Kindheit selbst wollen wir gar nicht erst reden.

Im Kino liefen damals Streifen wie "Strafbatallion 999" so lange, bis endlich "Der Förster vom Silberwald" auftauchte und die bösen Wilderer vertrieb, damit im Wald wieder etwas Ruhe einkehrte. Der Vater zählte uns die Namen derer auf, die während dem Krieg fieberhaft über den Rhein gewunken haben. Es war eine lange Liste. Die Stadt Schaffhausen wurde von den Amerikanern bombardiert, die den Munot für eine deutsche Rüstungsfabrik hielten. Es gab zwei Dutzend Todesopfer, Verletzte, zerstörte Gebäude. Ein paar Jahre später verfehlte der "Sozi" Walter Bringolf seine Wahl in den Bundesrat, weil ihm eine kommunistische Vergangenheit nachgesagt wurde - natürlich von jenen, die vorher über den Rhein gewunken haben. Ungefähr so oder ähnlich verlief jede Kindheit der Frühvergreisten nach dem Krieg. Erst nachher kam eine harte Jugend, aber für die durfte man später wenigstens noch anständig büssen.

Doch nun sitzen diese Jahrgänge in zu weiten und zu engen Anzügen bei Maischberger und anderswo - und möchten stolz darauf sein. Nicht auf ihre Anzüge, aber auf irgend etwas. Ausgerechnet zum Jahrestag vom Ende des II. Weltkrieg! Vielleicht spüren resozialisierte Nationalisten die Wir-Gefühllosigkeit ihres Stolzes nicht mehr, der nur eine Besonderheit darstellt, weil er vom Ganzen trennt? Vielleicht haben sie ihn nie wirklich gespürt? Denn: Ein bisschen Spass muss sein, wenn das bisschen Stolz auch noch schwindet. Wer damit den Ernst der Lage trotzdem nicht wirklich los wird, muss mit seinem Spass sogar auf die Tierebene ausweichen, wo ihm keine Kritik mehr was anhaben kann. Oder auf die Ebene von Lebensmitteln.

Dort kann man dankbar dafür sein, dass es Länder gibt, wo jeder auf den Katzenjammer auf höchstem Niveau stolz sein darf. Man darf eigentlich nicht und will es doch - das ist der Zwiespalt, mit dem sich gut leben lässt. Ohne sichtbaren Stolz der zum Leiden ausartet und die Befallenen quält, weil er mit den Tatsachen unvereinbar ist, insgeheim dennoch stolz sein! Wenigstens ein bisschen. Es ist der Trick vom offenen Strafvollzug. Geheimer Stolz - als latenter Rassismus von Überernährten? Damit bekommt sogar der Stolz auf die Praline einen höchst politischen Aspekt, denn irgendwer muss ja dafür zahlen. Und deshalb wird es dieses unsägliche Leiden immer geben, für das wir uns weiter schämen dürfen. Denn die Scham wird uns treu bleiben, unter der wir zu leiden haben. Aber was ist das für ein gnädiges Schicksal gegen ein Leben ohne Wasser!? Welche Warmherzigkeit - gegen ein Leben ohne Buletten und Brot! Welche Gnade, gegen eine Existenz ohne Pralinen.

Schon ein einziger Stolzer ist unerträglich. Ein paar stolze Nationalisten aber, die gemeinsamen zu einem verbindlichen Wir-Gefühl aufrufen, nachdem sie ständig aufs Entlarven aus waren, sind irgendwie widerlich. Mehr nicht. Und zu so einem Wir-Gefühl wurde aufgerufen, öffentlich, auch kürzlich unter "Menschen bei Menschen". Ich glaube nicht an Zufälle, sonst hätte ich dieser Sendung ausweichen können. 

Wie kann man sich nach dem Stolz umsehen, sogar nach nur einem bisschen Stolz sehnen, so lange man unter Menschen weilt, die einen Verstand haben, der auf Enttarnung abgerichtet ist und somit hinter falsche Propheten gerät? Ist es naiv oder anspruchsvoll oder einfach nur Dummheit? Wären wir dem Stolz überhaupt gewachsen?

Warum wird bei der ARD die Frage nach der Berechtigung des Deutschen Stolzes dem Jahrestag vom Ende des II. Weltkriegs stets näher gerückt? Feierte der Stolz sein sechzigstes Jubiläum? Oder darf man einfach stolz sein am Ende von jedem Krieg? Vielleicht war die Wiederholung der Sendung "Menschen bei Maischberger" auf 3sat nur die Widerholung des "Wunders von Bern" - das ja eigentlich auch kein Wunder, sondern ein Tor in einem Fussballspiel auf fremdem Boden war? Was läuft hier ab? 

Deutschland war lange Zeit Exportweltmeister. Deutschland bürgt für beste Qualität. Auf der Sachebene klappt alles. Deutschland hat die kommende Fussball-WM erhalten. Deutschland hat den Weltmeister im Formel-I-Konzert seit Jahren. Deutschland feiert den Geist von Harald Schmidt. Deutschland schaut auf Goethe und Schiller: "Arbeit ist des Bürgers Zier!" zurück. Deutschland strebt einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat an. Die Deutschen können sagen: Man ist Papst geworden! Deutschland hat 5,2 Millionen gläubige Arbeitslose. Deutschland tut alles, um vorwärts zu kommen. Und man küsst sich noch immer nicht zum Grusse in Deutschland - wie es etwa die Franzosen in Frankreich tun.

Statt dessen sagt Minister Fischer: "Damit so etwas nie wieder vorkommt!" vor einem Mahnmal stehend wie vor dem Visa-Ausschuss sitzend. Je nach dem. Der gleiche Tenor, der gleiche Satz, die selbe Buchstabenreihe. Damit so etwas nie wieder geschieht, bleibt Fischer im Amt und bleiben Menschen berechenbar. Sie bleiben es so lange, wie sie weiter vermuten dürfen, dass ihre Menschlichkeit gemeinsam mit ihrer Berechenbarkeit zunehmen werde.

Und mit dieser Erwartung sitzen sie als Menschen in einer Audienz bei Sandra Maischberger, wo man besonders gut auf sie zählen kann, denn da entpuppen sich Anwesende als wandernde Kalkulation. Falls diese Rechnung aber nicht aufgeht, weil dafür Deutschland in Europa aufgehen möchte, um wieder ein bisschen Stolz zu sein, wenn sie nicht nur die "Swiss" übernehmen möchten sondern die Schweiz, dann wäre das auch wieder so eine Wiederholung. Natürlich ist dies nur ein Jux, denn davon sind wir weit entfernt, auch wurde die Schweiz niemals eingenommen. Sie wurde höchstens angesteckt, hat sich höchstens mitschuldig gemacht, und dies auch erst seit maximal zehn Jahren. Es gib keine Unschuldigen mehr, nur Schuldige und Schuldbewusste. Wer aber heute immer noch ohne Schuld ist, den holt der letzte Stein, denn er lässt sich den Blick wahrscheinlich von einer Sendung versperren, weil er glaubt: "Ein bisschen Stolz müsse sein"?   

Edgar Valentin Flückiger

30.April bis 01.Mai 2005

Hier zeigen wir noch das Horoskop von diesem Wochenende

Wieder die laufende Sonne zwischen Mars/Saturn!

 

Einem Selbstmordanschlag im Nordirak sind 20 Menschen zum Opfer gefallen. Weitere dreissig wurden verletzt. Das Attentat war der Höhepunkt einer Welle der Gewalt. Seit Freitag gab es über 100 Tote.

   

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