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Niemand
sollte aber glauben, dass er an einem einzigen "Gott" mehr
Freude haben wird, als an keinem. Denn ein Allmächtiger, ohne Brüder
und Schwester, Freunde und Verwandte, ohne Gesellschaft, Geliebte und
Gegner, bleibt mit samt seiner Allmacht ein genau
so bedauernswertes
Wesen, wie das ohnmächtige Geschöpf, das ihn dafür anbetet.

Persephone & Demeter
Bachus
Venus-Aphrodite
Manche
erinnern sich, dass es vor Jahrzehnten noch vierhundert Apfelsorten
gab. Heute gibt es noch ein knappes Dutzend davon. Manche erinnern
sich, dass es vor einigen Jahrhunderten noch eine dreistellige Zahl von
Göttern, Nebengöttern und ebenso vielen Halbgöttern gab. Hunderte
von himmlischen Kreaturen! Heute gibt es gerade noch einen einzigen
davon. Es ist rationalisiert worden. Zuerst im Himmel, dann auf Erden.
Als
wollten sie Unkraut vertilgen, haben Menschen im Himmel und auf Erden
zugeschlagen. Unser Lebensraum wurde enger: selbst für Götter gab es
plötzlich keinen Platz mehr. Sie mussten ausziehen, ihnen wurde sogar
zuerst gekündigt. Und nun klafft dort oben ein Loch. Ein Ozonloch! Ein
riesiges Merkmal, ein Brandzeichen, das sich ständig erweitert, seit
dem der Himmel nicht mehr geschützt wird, weil er von niemandem mehr
geschützt werden muss.
Und
noch ein einziger Gott! Man stelle sich vor, wie armselig und klein der
Himmel inzwischen geworden ist. Und wie gering unsere Wunschkraft
dadurch wurde. Sechs Äpfel gegen Hunderte, die es einmal gab! Und
zwei Dutzend Buchstaben gegen die Heerscharen von Bildern, die einmal
unsere Vorstellung bevölkert haben!
Als
die erste Rationalisierung stattfand, schrumpfte die Heerschar der
Götter auf einen einzigen zusammen. Die Christianisierung rodete den
Himmel und liess dem Menschen die Erde als Einöde „Gottes“
zurück, wo nach Gnomen und Gespenstern gesucht werden durfte. Und
musste!
Als
dann die zweite Aufklärung stattfand und zynische Blindgänger wie
René Descartes, Denis Diderot, David Hume und Voltaire auftauchten, um
ihre aberwitzige Entgeisterung zum wahren Licht zu erklären, wurde
auch dieser allerletzte „Gott“ noch von der Liste gestrichen. Die
aufgeklärten Humanisten - und späteren Sozialisten - kamen vollends
ohne himmlische Kandidaten aus. Die glaubten – sie glaubten! – der
Mensch käme ohne Götter zurecht, auch wenn er sich auf Erden
gegenseitig selbst nicht mehr leiden konnte und keiner den anderen
neben sich ertrug. Nach der Revolution nahm der menschliche Geist mit
seinen "Vögeln" den gesamten Luftraum in Besitz.
Weil
jedoch in der Natur kein Platz frei bleibt, sondern jeder Freiraum
gleich wieder von anderen Erscheinungen besetzt wird, sowie er leer
ist, haben wir uns nun um die Beckhams, die Hiltons und andere
Schnösel und Babetten zu kümmern. Jeden Tag grinst dem Betrachter
eine andere Fresse ins Gesicht. Damit er sich darin selbst
erkenne. Die Aufklärer setzten „Gott“ ab und setzen Manager
und „Staren“ an seiner Stelle ein. So machten sie sich selbst, und
uns als ihre Nachfahren, zu Abhängigen von Markt, Wirtschaft und
Politik.
Als
unmittelbare Folge davon sind
wir es nun auch, die tagelang Werbung und andere Versprechen über
sinnlose Verpackungen konsumieren dürfen, von denen behauptet wird,
dass sich da auch ein Inhalt darin befände. Man wartet ewig und
vergeblich darauf. Das Einpacken ist zur gelungenen Idee, das Auspacken
zur ernüchternden Erfahrung geworden. Dieses: „Pack mal aus!“ ist
uns der andere gerade noch wert, wenn wir ihn nach seinen Träumen
fragen. Mehr nicht. Ansonsten muss man erst fünfzig Jahre warten, bis
auch der Markt zugibt, dass beispielsweise das Rauchen schädlich sei.
Und noch einmal hundert Jahre, bis öffentlich erklärt wird, wer die
Gletscherschmelze tatsächlich zu verantworten hat. Ganz ähnlich ist
es auch mit dem Terror, der gestern noch eine Institution war, und
heute eine Methode. Wir führen einen Krieg gegen den Krieg, wir
organisieren uns gegen Methoden - mit Methode.
Mit
jeder am Himmel vertriebenen Gottheit kam uns ein Naturschutzgebiet im
Äther abhanden. Und nun hatten wir unser Manko auf Erden mit dubiosen
"Lichtgestalten" zu ersetzen. Auf diese Weise sind die
Götter zu unseren Schatten geworden, die wir niemals loswerden
können, obschon wir uns verhalten, als würde es sie schon lang
nicht mehr geben. Doch es gibt keine Geschichte, die länger und älter
ist als ihre, und deshalb existiert keine Energie, die mächtiger und
"nachhaltiger" auf uns einwirkt, als ihre Kraft - die wir
gnadenlos leugnen.
Auch
wenn wir unser Spiel im Kinderzimmer der Wissenschaften weiter treiben
und das eine Ende vom Fernrohr auf Bazillen, das andere ins Universum
richten, werden uns ihre Schatten begleiten und nicht mehr das Licht
sein, das sie einmal gewesen sind. Wir sind - freiwillig - eingeladen
oder - unfreiwillig - aufgefordert und gezwungen dazu, zu ihnen zurück
zu kehren, um das Licht der Vorstellung wieder aktiv von innen zu
produzieren, anstatt den Schein von aussen passiv zu konsumieren.
Der Konsum von aussen bringt uns nichts als Verpackungen ein, die
Produktion von innen aber Inhalte und somit Erfüllung.
"Hermes-Merkur“
ist zur Schreibmaschine geworden, die irgendwann einging. „Phaeton“
wurde zum Volkswagentyp, der abstürzen und ebenfalls eingehen wird.
Chronos-Saturn hat sich um unser Handgelenk gewunden, als handlicher
Zeitmesser und Selbstwertspender. Doch wenn wir vom Chronometer die
Uhrzeit ablesen, weil die Zeit inzwischen Geld geworden sei, denken wir
deswegen keinen Augenblick mehr an den ‚Herr der Zeit’. In drei
Schulklassen der letzten Oberstufe (Schulabgänger denen eine Menge
Wissen vermittelt wurde, damit sie fürs Leben gerüstet sind)
vermochte sich noch je eine Schülerin von jeweils fünfzehn beim
Montag oder Sonntag an den Mond oder an die Sonne erinnern. Die anderen
Wochentage waren für alle ein Tabu. Das ergibt bei 45 Schülern 95
Prozent, die vom Zusammenhang der einfachsten Worte, die sie täglich
aussprechen, mit dem Kosmos nicht die leiseste Ahnung mehr haben.
Falls
wir nun weiter forschen, wie es zu dem unseligen Schmarren kommt, den
wir jeden Tag in den Zeitungen lesen, um damit stumpfsinnig zu werden,
und wie das würgende Gekröse entsteht, das beim Fernsehen sitzend
noch einmal verdaut werden muss, ist dies eine psychologische Frage.
Man greift daher nicht zur Zeitung, zur Illustrierten, zum Kochbuch
oder zur Bibel, die ohnehin alle Plagiate sind, sondern diesmal zum
Psychologischen Lexikon, um nach einer neuen Erklärung zu suchen.
Das
psychologische Lexikon
Es
steht alles drin, womit man Menschen erfasst. Und damit ist bereits
schon das Unwesentliche gesagt: Es wurde fleissig ergriffen, was sich
mit Begriffen erfassen lässt. Nichts fehlt diesem Buch. Bis auf eine
Kleinigkeit. Bis auf einen minimalen Begriff. Über das Wort ‚Mensch’
ist im psychologischen Lexikon nämlich keine Erläuterung zu finden,
keine. Wozu soll man sich aufhalten, nicht wahr. Der Mensch? Was das
ist, das ist ja wohl jedem klar. Und das Wort fehlt. Und die Worte
fehlen.
Also
muss man sich etwas einfallen lassen. Man wird auf den Gedanken kommen:
"Die machen es sich nicht so einfach wie im Volkslexikon, wo uns
halt eine gebührliche halbe Seite Text und eine Seite Abbildungen
gewidmet ist. Die machen das anders. Die machen es sich richtig
schwer." Vielleicht soll man ja unter einem anderen Stichwort nach
dem verschollenen Menschen suchen? Das Wort ‚Mensch’ ist
möglicherweise zu einfältig. Wir werden wahrscheinlich unter ‚Homo-Erektus’
oder ‚Homo-Sapiens’ zu finden sein. Und dort etwas genauer
beschrieben.
Doch
auch diesen Umweg kann man sich sparen, denn mit so viel Gutmeinen hat
man wieder einmal Pech gehabt, wie immer. Weil: "Mensch", das
war ihnen nicht zuviel, sondern zuwenig! Denn anstelle von Mensch wird
man dort 'Menschenführung' finden. Man hat es beinahe erwartet. Und
jetzt erinnert es einen.
Und
man fragt sich nun, wozu man so ein Lexikon braucht? Denn es steht ja
nix drin. Es ist das erste Lexikon, das eine Haltung offenbart, sonst
nichts. Aber was für eine Haltung! Es ist die Haltung, die auch die
heutige Boulevard-Presse prägt. Sie sind kaum zu unterscheiden von
einander. Wenn wir die Seiten aufschlagen und darin zu lesen versuchen,
kann man sich nicht mehr an den Menschen erinnern. Nicht an den uralten
und nicht an den Menschen, dem man begegnet ist und nicht an den, dem
man noch begegnen wird, - denn das möchte uns doch auch eine
Erinnerung sein.
Nein.
Wir brauchen es, wenn wir den Menschen vergessen haben und, wenn wir
nicht mehr wissen, ob wir ihn "phasisch-zyklotym"
oder "endogen" haben wollen? Oder ob wir ihm bloss eine
"Phobie" oder gleich eine "Phobophobie" zuschreiben
sollen? Und wir brauchen es, wenn wir mir mal das Wort ‚Bastard’
etwas genauer erklärt haben wollen, denn „der“ steht drin.
Und
wir brauchen es, wenn wir mehr über den 'Kretinismus' erfahren
möchten, denn der wird uns erklärt. Und wir benötigen es dringend,
wenn wir beispielsweise eine 'Kriminalprognose' stellen wollen! Wo wir
dann nicht vergessen sollten, dass dies alles von endogenen und
exogenen Faktoren abhängt, wie Erbanlage, Milieueinfluss, Psychose,
Alkoholismus, aber auch Alter und Jahreszeit, sowie der Einfluss der
Menstruation oder des Klimakteriums. Wobei hier also doch noch ein
bisschen Mensch übrig bleibt: aber er blutet, er menstruiert oder er
masturbiert! Und sonst hat er die Brille auf.
Was
sollen wir also noch mit Äpfeln, Göttern oder Gott anfangen? - die
menschliche Ration ist längst schon verteilt. Und die Psyche der
Medien kaut sie uns rational vor. Wozu
das Gezänk um den "Krieg gegen den Terror", der doch eher
"Kampf" heissen sollte, weil man nicht mit Kanonen auf
Spatzen schiessen kann - wenn schon der Mensch fehlt? Worüber reden
wir eigentlich? Und wozu? Und vor allem, wer tut es? Sind es nicht
alles Lappalien? Und wäre es nicht an der Zeit, dass wir vielleicht
darüber aufgeklärt werden müssten, dass es uns in Wirklichkeit gar
nicht mehr gibt!?
Es
fehlt nämlich nicht nur der Mensch in diesem Buch. Es existiert auch
keine einzige positive Spannung darin, kein sinnvoller Wahn, kein
heilsames Manko, keine notwendige Unfertigkeit, keine Spur von
erträglichem oder unerträglichem Leben - nur Erbrochenes, Übel, und
heilloser Gestank. Und es menschelt nicht und es menschet nicht mal.
Und dieses Buch der Wissenschaft, die sich mit dem Menschen befasst,
ist eine "Hypomnesie", denn so heisst dann wieder die
'mangelhafte Erinnerung'!
Aber
es ist eine "Hypomnesie", die sich auf den Menschen bezieht.
(c) Welten.net - (Apollon
Edition, aus dem 'Buch der Triebwelt')
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